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Posts Tagged ‘Philosophie’

Jahrelang bin ich hier mehrmals pro Woche vorbeigekommen, wenn ich zur Uni wollte: Die U-Bahn-Station unter dem Hauptgebäude. Ein Bäcker, bunte Schaufenster, Kunstaustellungen, für die sich keiner zu interessieren schien. Ein Ort, an dem man weitergeht.

Ich mochte die Schaufenster des Spielzeuggeschäftes, sie waren fröhlich und ausdrucksstark. Als Vanessa ein Baby bekam, wollte ich für sie etwas in dem Laden kaufen, er hatte zu. Ich zeigte ihn ihr auf einem späteren Spaziergang und bewarb mich für einen Job, weil ich einen brauchte. Zufällig.

Mittlerweile dekoriere ich die schönen Schaufenster, zumindest finde ich sie immer noch schön. So auch heute. Ich sehe den Studenten zu, wie sie zur Uni eilen, sich etwas zu Essen kaufen. Ich selbst bin gerade endgültig durch mein Studium gefallen. Uns trennt eine Glasscheibe – die Studenten und mich. Backwaren werden verkauft zu jeder geraden, vollen Stunde steht man in großen Trauben an. Der Biss-Verkäufer ist heute nicht da, er redet immer sehr freundlich mit uns, manchmal verstehe ich ihn nicht, aber ich gebe mir Mühe. Hier kennen sich alle gängigen Gäste. Der Biss-Verkäufer, die Stammobdachlosen, die Putzkräfte. Eine Gesellschaft unter der Oberfläche. Wir sind gern gesehene Gäste, meine Kollegin und ich, denn wenn wir da sind, passiert immer etwas, wir dekorieren ja quasi den Marktplatz alle sechs Wochen um. Wir begegnen uns hier alle auf Augenhöhe, das fiel mir anfangs schwer, denn ich war stolz und unsicher.

Heute hat der Herr, der putzt, meiner Kollegin und mir einen Kaffee geschenkt. Einfach so. Der Mann verdient nicht viel, wir wissen das, er weiß das. Der Mann kennt meinen Namen nicht und ich seinen auch nicht, aber wir haben zu dritt beisammengesessen und über das Leben geredet. Ich habe mich wahnsinnig gefreut. Er hat weiter gearbeitet, wir haben weiter gearbeitet. Der Strom der Studenten zog an uns vorbei zur nächsten Stunde. Ein Ort, an dem das Leben weiter geht.

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Eine Lobrede auf Friedrich Dürrenmatt geschrieben und gehalten von Georg Hensel, zusammengefasst und beleuchtet von Miriam Arlt.

Georg Hensel gibt in seiner Laudatio auf Friedrich Dürrenmatt zu Anfang einen Abriss auf „Schorsch“ Büchners Biographie.

In der Schweiz hätte Büchner erstmals eine „einfache, gute, rein republikanische Regierung“ gefunden, wie sie in Hessen nicht vorzufinden war.Vierzig Jahre nach seinem Tod wurde Büchner umgebettet, er bekam ein „elitäres Einzelgrab am Züricher Berg.“.

Seine Umbettung wurde von 150 Menschen begleitet, auffällig wenig Deutsche waren unter ihnen, obwohl sein Umzug als „patriotisches Unternehmen“ von in Zürich lebender Studenten gestaltet worden war und ihm die schwarzrotgoldene Fahne der Burschenschaften von Friedrich Krupp vorangetragen wurde.

Hensel äußert die Behauptung, entstamme dieser grotesk, düstere Umstand einer Feder, so wäre dies wohl die Feder Dürrenmats gewesen.

1942 am Weihnachtsmorgen stand der einundzwanzig jährige Friedrich Dürrenmatt an diesem Grab.

Er stand kurz vor dem Entschluss sich eher als Schriftsteller, als als Maler zu versuchen.

Daraufhin schrieb Dürrenmatt als Antwort auf Büchners Märchen im Woyzeck die Geschichte „Weihnacht“, die von einem toten, im Schnee liegenden Christuskind handelt.

Davon wird von Charlotte Kerr, Dürrenmatts Frau, in seinem jüngsten Buch Rollenspiel berichtet.

In der auch in diesem Buch veröffentlichen dritten Fassung von Achterloo sitzt der Dramatiker Büchner selbst auf der Bühne und schreibt Achterloo. Auch Woyzeck lässt er als mordenden Barbier auftreten, er steht für die ständige Drohung mit dem politischen Mord.

Büchner und Albert Einstein haben Dürrenmatt stark geprägt. Diesem Albert Einstein huldigte Dürrenmatt zweimal, in Die Physiker, in dem er einem der drei zurückgezogenen, angeblich verrückten Denker seinen Namen gibt und in seinem Vortrag zu Einsteins hundertstem Geburtstag, in dem er ein philosophisches Porträt Einsteins zeichnet.

Einsteins Vision einer allgemeinen Feldtheorie führe laut Dürrenmatt „zur Vision einer Explosion, zu einem monströsen, auseinanderfegenden Weltall voller Supernovae, Gravitationskollapse, Schwarzer Löcher, zu einem Universum der Weltuntergänge.“

Ein ähnliche Einstellung lässt sich auch in dem Stück Portrait eines Planeten erkennen, in dem die Todesdrohung die einzige Konstante zu bilden scheint.

Dürrenmatt feiert das Scheitern Einsteins an seiner allgemeinen Feldtheorie als dessen wichtigsten Beitrag zur Wissenschaft. Dürrenmatt sieht eine Bedingung für menschliches Leben darin, dass Menschen die Dinge nicht bis in ihr Innerstes verstehen. Damit unterscheidet er sich von Bertolt Brecht. Beide Autoren behandelten den Wissenschaftler und seine Verantwortung in Dramen. Brecht schrieb unter dem Schock der ersten Atomspaltung von Uran, er schrieb das Stück mit aufklärerischen, weltverändernden Absichten, mit der Aussage, Wissenschaft dürfe nicht ohne gesellschaftliche Verantwortung existieren.

Dürrenmatt schildert die Situation dagegen als hoffnungslos, Möbius gelingt in die Physiker eine Weltformel zu erschließen. Sie kann das Ende der Menschheit herbeiführen. Um „den schmutzigen Folgen seiner sauberen Denkarbeit zu entfliehen“ flüchtet sich Möbius in die Rolle eines Irren.

Dürrenmatt, der Gedanken für unwiderruflich hält, sieht den Schriftsteller nicht als möglichen Retter der Welt, sondern als Beschreiber ihrer Agonie.

Dürrenmatt, der sich selbst eher als Diagnostiker und nicht als Therapeut sieht, zeigt wie verrätselt mythisch, vorwissenschaftlich und zugleich wissenschaftlich die Welt ist.

Er verbindet Mythen mit moderner Wissenschaft. „Friedrich Dürrenmatts Oedipus heißt Möbius. Es ist der Physiker, der vergeblich ins Irrenhaus flieht; er entdeckt als Urheber des Weltunheils um so gewisser sich selbst, je mehr er sich entkommen will.“

In Dürrenmatts Welt sind nur tragische Komödien möglich, er übersetzt den Gegenstand seiner Betrachtung langsam ins Groteske. Und was betrachtet Friedrich Dürrenmatt? Zum Beispiel das Universum, durch sein Spiegelteleskop in seinem Arbeitszimmer. Dürrenmatt verwendet große Themen die er zum Welttheater macht.

Auf seinen Bildern ist die Erde oft wüst und leer, der Himmel Ausblick auf das rotierende Groteske des Kosmos. Er zeigt in Bildern und Schrift, oft den Augenblick vor der Katastrophe.

Die Natur handelt für ihn nicht nach einem Zweck der außerhalb ihrer selbst liegt. An diesem Grundsatz müssen für ihn alle Weltverbesserer scheitern.

Dürrenmatt wächst als Sohn eines Pfarrers auf, wobei seine Mutter die religiöse Bildung übernimmt, während ihn sein Vater mit heidnischen Mythen füttert. Er studierte Geisteswissenschaften und war Liebhaber naturwissenschaftlicher Fachliteratur. Er sah neue Mythen, die von Wissenschaftlern geschaffen wurden, oder sich in modernen Denkstrukturen fanden und diese amüsierten ihn. So wird auch er in seinen Werken zum Mythenschöpfer. Wie im Besuch der alten Dame der „grausame Mythos von der Verführbarkeit des Menschen“. Dieser wurde in Hollywood verfilmt. Bereits damals, so Hensel, hätte man Dürrenmatt den Büchnerpreis verleihen können. Dürrenmatts Dramen werden weltweit gespielt, und bis zum Zeitpunkt der Verleihung ist Dürrenmatt bei seinen Mythen geblieben.

Dürrenmatt „klagt gegen Gott, wie ein Christ, der nicht mehr glauben kann“, er zweifelt in Die Panne die kausale Bestimmung der Welt an, daraus folgt, dass es nur noch banale Zufälle und kein sinnorientiertes Schicksal geben kann. Dies bringt Dürrenmatt dazu die klassische Dramaturgie durch eine Art Zufallsgenerator zu ersetzen. Dürrenmatt hat sich im Laufe seines Lebens von der Metaphysik abgewendet.

Büchner begründete die Art der Dinge nach Spinoza in ihnen selbst. Büchner kann man die Freude an der Wissenschaft genau wie seinen Materialismus anmerken, er wendet sich gegen seinen Zeitgenossen Fichte.

Dürrenmatt entwickelte nicht, wie Brecht es wollte, ein Theater für das wissenschaftliche Zeitalter, das schien ihm lächerlich, romantisch. Diese Art von Theater lässt sich in Ansätzen aber bereits bei Büchner sehen, der geprägt vom rational-empirischen Materialismus der Naturwissenschaft ein Dramatiker nach Spinoza war, wie Brecht nach Hegel und Marx und wie Dürrenmatt nach Kiekegaard und Einstein.

Dürrenmatt hat nie aufgehört die Welt denkend zu durchdringen, er wäre der radikalste Denker des Welttheaters,so Hensel, verschmähe aber den Witz dabei nicht. Dürrenmatt schreibe nicht Welttheater sondern Weltuntergangstheater und sie, diese groteske Welt geht bei ihm mit Gelächter unter.

Alle Zitate sind aus der Lobrede auf Freidrich Dürrenmatt entnommen

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